Sozialleistungen und ihre (Nicht-)Inanspruchnahme
Viele Menschen nutzen ihnen zustehende Sozialleistungen nicht. Trotz gegebener Anspruchsberechtigung machen sie Sozialleistungsansprüche für sich oder für Angehörige nicht geltend. An Empfehlungen, wie dieser Missstand zu überwinden wäre, ist kein Mangel. Was hingegen weitgehend fehlt, sind Untersuchungen zu den Gründen der verbreiteten Nichtnutzung. Auch mangelt es an Analysen und Diskursen, inwieweit eine stabile Nichtinanspruchnahme einzelner Sozialleistungen tatsächlich einen Missstand darstellt.
Um zu verstehen, warum Sozialleistungen genutzt oder nicht genutzt werden, sind zum einen diese Leistungen in ihrer erheblichen Varianz zu kartografieren und zu systematisieren. Welche latenten und manifesten Funktionen haben Sozialleistungen, welchen symbolischen Gehalt tragen sie in sich, welche Effekte ruft ihre Inanspruchnahme oder Nicht-Inanspruchnahme hervor. Wie werden Sozialleistungen reguliert, prozessiert und instrumentalisiert, wie schreiben sie sich als stabile Deutungsmuster in die Kultur einer Wohlfahrtsgesellschaft ein?
Um andererseits zu verstehen, wann und warum Ansprüche auf Sozialleistungen von Sozialbürgerinnen und -bürgern (nicht) geltend gemacht werden, ist deren erhebliche psychosoziale Varianz zu betrachten. Wie schreiben sich die Möglichkeit und die Bedingungen der Nutzung von Sozialleistungen in die Identitätskonstruktion der (potenziell) Nutzenden ein? Welche Persönlichkeitsmerkmale, Handlungsmotive, Selbstbilder und Statusdarstellungsstrategien münden in individuelle Verhaltensweisen, die sich in überindividuellen Mustern der (Nicht-)Inanspruchnahme von Sozialleistungen niederschlagen?
Das Projekt entwickelt das theoretische Modell eines Sozialleistungssystems als Gelegenheitsstruktur und Handlungsrahmen, in dem Institutionen Sozialleistungen administrieren und in dem sich Individuen bewegen und entlang ihrer Persönlichkeitsmerkmale zu der Frage der (Nicht-)Inanspruchnahme von Sozialleistungen positionieren. Entworfen wird zudem ein der Komplexität des Feldes der (Nicht-)Inanspruchnahme von Sozialleistungen angemessenes empirisches Forschungsprogramm.